Der Weg zur Diagnose Morbus Hodgkin

Ich bin 23, die Welt steht mir offen.
Mandeln raus, Weisheitszähne raus, Fibromyalgie nach 2 Jahren besiegt – obwohl man in Deutschland der Ansicht ist, dass es nicht heilbar ist. (Danke Dr. Bauer (fms-bauer.de))
Jetzt geht’s los, ich kann voll durchstarten.

Abitur geschafft, trotz 2 Jahre aussetzen in der 11. Klasse wegen Fibromyalgie – und in MV macht man das Abi in 12 Jahren, also hol´ ich schnell den Lernstoff auf, steig´ in der 12. ein, mach mein Abi mit 2,3. Ausbildung bei der Wunschfirma in Hamburg, Abschluss mit Bestnoten – geil! Arbeitswelt ich komme! 1. Job, Property Managerin klingt cool. Ab nach Düsseldorf zu meiner großen Liebe, die ich im Abijahrgang kennengelernt hab – es läuft halt fantastisch und man muss ja rausfinden, ob´s wir auch das Dreamteam sind, wenn wir zusammenwohnen. Läuft gut, Düsseldorf gefällt uns nicht so. Schatzi beendet das Studium und fragt: „Soll ich mich in Düsseldorf bewerben?“. „Nein“ – Wir wollen mehr sehen, also ab nach Frankfurt! Cool, jetzt starten wir so richtig durch.

Ich wurde eingestellt, weil meine neue Firma ein riesen Portfolio angekauft hat. Es gibt also viel zu tun – eine Herausforderung, auf die ich mich freue. Blöd nur, dass ich Husten habe. Aber der Saft aus der Apotheke wird’s schon richten. Nö, dann halt noch einer. HNO-Arzt, der aber! Auch nicht. Okay, erst mal Weihnachten feiern, Silvester.

2015 – Happy New Year – der Ankauf der Objekte hat sich etwas verzögert, aber jetzt geht’s voll los. Nur der Husten will nicht weggehen. Ich habe nachts starke Schmerzen in der linken Schulter. So stark, dass ich aufwache vor Schmerz und weine. Der Lungenfacharzt stellt nach dem Röntgen eine Lungenentzündung fest. Mist. 2 Wochen krankgeschrieben und das in der Probezeit. Lucky-Grey und die Pinots schicken Blumen – gutes Zeichen! Es geht mir besser, nur die Schmerzen in der Schulter bleiben. Jetzt starte ich aber durch!

Husten kommt wieder. Also, klar, neues Blutbild. Schlechte Werte, Rückfall der Lungenentzündung. Nochmal 2 Wochen krankgeschrieben. Läuft bei mir! Probezeit bestanden, mir geht’s besser. Wenn da nur die Schmerzen in der Schulter nicht immer wären. Mein Hausarzt schickt mich zum Orthopäden, der röntgt nochmal. Nichts zu sehen, also mal ein MRT machen. „Oh junge Frau, zum Orthopäden müssen Sie nicht zurück. Da müssen Sie mal ein CT machen und einen Termin beim Hämatologen / Onkologen!“ Aha. Geschwollene Lymphknoten also und Wasser in der Lunge. Gut, dann mach´ ich da mal einen Termin, aber erstmal Ostern feiern mit der Familie. Komisch, immer wenn ich Alkohol trinke, habe ich noch stärkere Schmerzen als ohnehin schon in der Schulter.

Ich warte also auf den Termin in der Uniklinik – und das dauert. Mein Hausarzt sagt gar nicht so viel. Wörter wie Lymphom, Sarkoidose, Leukämie fallen. Klar hab´ ich Angst, Opa hatte Leukämie glaub´ ich, aber ich bin 23 – kann ja eigentlich nichts sein. Ach, da war ja noch der Kontrolltermin beim Lungenarzt. Den könnte ich ja eigentlich auch absagen, warte ja jetzt auf den Termin im Krankenhaus. Aber na gut, wäre jetzt auch zu kurzfristig, um abzusagen. „Hallo, wie geht es Ihnen?“ – „Joa, ganz gut, meine Schulter tut immer noch weh und ich warte auf den Termin im Krankenhaus.“ „Ja, ich habe auch schon geguckt, ob ich es früher hätte erkennen können. Aber heutzutage ist Krebs gut therapierbar. Es deutet alles auf Morbus Hodgkin hin, das hat man Ihnen sicher schon gesagt“ BAM – ich sitze da, höre nicht mehr zu. Nicken, lächeln, er bietet Hilfe an, Kontakte spielen zu lassen. „Danke!“ Schnell raus, nichts anmerken lassen. Ins Auto setzen und realisieren. Die Welt bricht zusammen. Ich habe Krebs, Diagnose Morbus Hodgkin.

Schatzi tut mir leid. Er ist der Erste, der es erfährt. Wenn ich darüber nachdenke, was ich an seiner Stelle gemacht hätte – ich wäre sicher nicht so cool geblieben, wie er. Er ist ruhig, sagt wir schaffen alles zusammen. Ich möchte es glauben, aber meine Gedanken tanzen in meinem Gehirn umher. Wie soll man sowas seinen Eltern sagen, seinen Freunden, seinem Arbeitgeber. Was hat der Arzt gesagt? Mali-irgendwas Lymphom, Morbus was nochmal? Ich weiß gar nicht, was das ist. Ich sollte es googeln. Aber erstmal heulen. Mein Freund kauft 4-Käse-Pizza und Vanilla-Coke. Ich habe Krebs?! Nur vielleicht, erstmal keine Panik kriegen. Morgen arbeiten, das lenkt ab. Ich hab noch keine Diagnose – schwarz auf weis. Ich zerbreche mir den Kopf. Sagt ein Arzt dir, dass du Krebs hast, wenn die Möglichkeit bestünde, dass es nicht so ist?

Der für Morbus Hodgkin typische Alkoholschmerz, ich muss ihn ergründen. Ist es wirklich so? Stoppuhr: 8 min nach 2 Schlücken, es tut höllisch weh. Ich lese über B-Symptome. Nachtschweiß, hab ich, Gewichtsverlust, jo!

Arbeiten. Immer wieder kommen die Gedanken hoch, ich weine – mein lieben Kollegen trösten mich, ohne zu wissen, warum ich so weine. Lucky-Grey erzähle ich irgendwas von Nachuntersuchungen wegen der Lunge und dass ich einfach Angst habe. Was sollte ich denn sagen? Ich habe Krebs, aber noch keine richtige Diagnose und auch noch keinen Behandlungsplan. Mir ist klar, dass man aus Arbeitgebersicht frühzeitig planen muss, aber wie soll er mit mir planen, wenn ich selbst noch völlig planlos bin? Ich lese viel im Internet, fühle mich etwas vorbereiteter. Ich habe das Gefühl, dass ich weiß, was auf mich zukommt. Obwohl ja eigentlich noch keiner die Diagnose Morbus Hodgkin tatsächlich festgestellt hat. Das Tagebuch von Axel (http://www.hodgkin-info.de/de/tagebuch/vorgeschichte_diagnose.php) ist kurz und knapp, aber ehrlich und es reicht, mir etwas die Angst vor Chemo und Bestrahlung zu nehmen.

Schatzi stößt durch Zufall auf einen Artikel über „Fuck off Henry“. In Amerika sagt man, man soll seinem Krebs einen Namen geben. Schatzi hat immer von Crabby gesprochen, aber ich möchte, dass er Lilli heißt. Lilli klingt schön und nicht bösartig – sondern klein und verletzlich. Im Radio auf dem Weg zum Krankenhaus höre ich die neue Ikea-Werbung. Sie werben für Lilien und sagen, dass Lilien in China ein Symbol für Glück sind – der Name ist also beschlossene Sache.

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