erneuter Haarbeitrag, diesmal der letzte – R.I.P. geliebtes Haar

Bei all den spaßigen Geschichten, die ich mit meinen Haaren nun noch erleben durfte, bin ich nun, an Tag 14 des Chemotherapiezyklus, den Tränen sehr nahe. Was rede ich, ich schwimme in meinem Meer aus Tränen. Ich stehe morgens schlaftrunken auf, putze meine Zähne, kämme mein Haar. Und da sind sie – nicht mehr auf meinem Kopf, sondern in der Bürste – ganz viele dieser schwarzen Haare. Sie gehören dort nicht hin. Ich will sie auf meinem Kopf behalten. Bei all der Kraft und Stärke, die ich aufbringe, um mich gegen Lilli zu wehren, denke ich, dass sie nun doch sehr nah dran ist, mich von meiner positiven Einstellung abzubringen. Ich fange mich, bin aber noch lange nicht stark genug, die Haare abzurasieren. Was hab´ ich erwartet? Dass dieser Tag kommt, war klar. Aber dass sich Lilli nun wie Miley Cirus auf dem Wrecking Ball räkelt, um mich aus der Bahn zu werfen, hatte ich dann doch nicht erwartet. (für Oma: Miley Cirus ist eine skandalträchtige Sängerin, die ein wirklich obszönes Musikvideo gedreht hat, auf dem sie nackt auf einer Abrissbirne durch´s Bild schwingt – Ja, auch meine Oma liest meinen Blog)

Der Tag plänkelt so vor sich hin, Hulky reist ab, meine Großtante und mein Großonkel besuchen mich, wir essen Eis, die Ablenkung tut gut. Die Haare, die ich ständig von meiner Schulter sammel´ machen mich von Stunde zu Stunde trauriger. Ich kann meine Achsel- und Beinhaare mit der Hand zupfen – wenn es nicht so traurig wäre, wäre ich fasziniert. Ich weiß, dass ich die Haare heute Abend abschneiden muss. Kontrolle behalten – besser: zurückgewinnen, denn im Moment habe ich definitiv keine Kontrolle mehr.

Dieses Gefühl, in das Haar zu fassen und sie in der Hand zu haben ist furchtbar. Aber ich konnte sie einfach nicht vorher abschneiden – habe wohl gehofft, dass ich die Eine in 13 Jahren Berufserfahrung von Frau Tzatziki bin, die Ihre Haare bei BEACOPP nicht verloren hat. Also muss Schatzi wieder ran. Er selbst sagt schon, dass er vielleicht seinen Beruf verfehlt hat, so viel Freude bereitet es ihm, mir die Haare zu schneiden. Er findet es cool, sagt: „Wer kann schon von sich behaupten, seiner Freundin mal ´ne Glatze geschnitten zu haben?“ Glatze? Ich breche völlig in Tränen aus, schluchze, weiß, dass es keine Alternative gibt, als sie abzuschneiden. Er macht es behutsam. Ich habe das Gefühl, dass ich keine Luft mehr kriege. Es fühlt sich an, wie damals, nach der Trennung meiner Eltern, als ich so geweint habe, dass ich kurz vor´m kollabieren war, in die Tüte atmen musste. Heute ist die Trennung kein Problem mehr für mich. Wird mit den Haaren auch so sein. Fühlt sich im Moment trotzdem nicht so an. Schatzi holt den Spiegel. Haare sind nun 15 cm lang. Weitere Tränen. Akku der Maschine leer. Ich habe also Zeit, mich an die kürzeren Haare zu gewöhnen. Anruf von Super-Dad und Schnecki. Tenor: „Du siehst auch ohne Haare hübsch aus.“ und „bald wachsen sie wieder und noch hübscher!“

Schatzi fragt, ob ich bereit bin. Nein, ganz sicher nicht. Ich versuche stark zu sein, will mich nicht „so anstellen“. Haare auf 5 cm. Schluchzen. Schatzi will es so lassen, aber ich weiß, dass das ja nun auch nichts mehr bringt. Kann nur sagen: „Mach jetzt halt alles ab!“ Tränen über Tränen, mir wird schwarz vor Augen. Schatzi kann mich nur noch fest in den Arm nehmen, atmet mit mir, hält mich fest. Wenn ich vorher gedacht habe, ich liebe ihn, dann finde ich keinen Begriff mehr für das, was ich in diesem Moment empfinde. Es wird niemals mehr sein wie vorher, nach diesem Moment. Wenn der Lymphdrüsenkrebs, Morbus Hodgkin, Lilli alles versucht hat, mich heute unglücklich zu machen, so hat sie mir dennoch den intimsten Momenten mit einem der besten Menschen meiner Welt verschafft. Ich danke dir (biestige) Lilli!

Haare sind dann also ab. Ich habe wirklich gedacht, es wird einfacher. Zwar schwer, klar, dass Tränen fließen, auch klar. Aber das mein Körper völlig seinen Kampfgeist verliert? Kein Blick in den Spiegel. Ich dusche, weil ich noch immer schwarze Farbe auf der Kopfhaut habe. Nackten Kopf – okay, 5mm Haare – anfassen fühlt sich schrecklich an. Aus der Dusche steigen. Nackten Kopf – jap, immer noch 5mm – trocken rubbeln – bloß nicht in den riesigen Spiegel über dem Waschbecken gucken. Schatzi schminkt mich, will dass ich mich hübsch finde, wenn ich in den Spiegel gucke. Süß, aber ich werde nicht reingucken. Heute nicht, ohne ein Glas Wein sowie nicht. Er sagt, ich sähe hübsch und weiblich aus, andere würden ihre Weiblichkeit vielleicht verlieren, aber ich hätte „sehr weibliche“ Züge. Er sagt, er liebt mich. Danke Gott, dass du unsere Wege hast kreuzen lassen.

Ich habe einen anderen Blog gelesen, in dem die Frau einen Absatz vom 5 Zeilen über den Haarverlust verliert. Sie schneidet sie einfach ab und das war´s dann. Sie sagt: „…und dann habe ich sie abrasiert und mir das Tuch umgebunden, um meine Kinder am nächsten Morgen nicht zu erschrecken.“ Ich dachte: „Jo, zieh ich auch so durch.“ Wie man sieht: falsch gedacht!

Und jetzt sitze ich hier, Perücke auf meinem Kopf. Ich fühle mich hübsch. Wir hatten Pizza Nr. 9 (Salami, Pilze, Zwiebeln, Peperoni, Paprika, Sardellen) mit extra Mais aus dem Steinofen unseres Lieblingsitalieners. Die Perücke ist niemandem aufgefallen. Ich trinke Wein, sollte man nicht wirklich während der Chemotherapie machen, aber ich will jetzt lieber an den Erhalt meiner Lebensqualität denken, als darüber, welche Auswirkungen ein Glas Wein haben könnte. Außerdem nehme ich zur Zeit keine Medikamente, aber ich glaube, rechtfertigen muss ich mich nach diesem Erlebnis wohl nicht wirklich. Vielleicht gucke ich nachher in den Spiegel, aber vielleicht auch nicht.
Bald schon wird es okay sein und ja, die Haare werden wachsen, noch hübscher als vorher. Und bald schon werde ich darüber lachen, wie witzig ich mit den unregelmäßigen 5 cm Fransen und den verquollenen Augen aussah. Heute habe ich gelesen, dass Menschen durchschnittlich 10 mal am Tag lachen, morgen versuche ich es 11 mal.

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