Spieglein, Spieglein an der Wand – Ist mein kahler Kopf der hübscheste im Land?

War ja klar, dass ich den Blick in den Spiegel irgendwann wagen muss. Aber nicht wie geplant mit purer Entschlossenheit, sondern durch einen absolut dummen Zufall. Morgens, wie gewohnt verschlafen, schütte ich Haferflocken, Crunchy-Dinkel-Flakes, meine geliebten Chiasamen und die Mandelmilch in eine Schüssel. Blättere den Sprüchekalender auf der Fensterbank um und freue mich über die positive Weisheit. Ich will ihn abfotografieren, für´s Bloggen später. Kamera an und da bin ich. Oder er. Der kahle Kopf. In meinem Handy. Die Frontkamera war noch aktiv. Habe mit dem blonden, langhaarigen Selbstwertgefühl ja gestern noch Fotos gemacht. Wie dumm ich bin. Ich erstarre erstmal. Langsame Schritte zum Spiegel im Badezimmer. Jetzt will ich´s wissen.

Der riesige Spiegel im Bad vor mir. Das bin ich jetzt also. Unter Tränen taste ich vorsichtig meinen kahlen Kopf ab. Drehe mich in alle Richtungen. Er ist wirklich wohlgeformt. Keine Dellen. Schatzi hatte Recht. Perfekte Kopfform könnte man sagen. Bei Gelegenheit frag´ ich Vitamin-Mum mal, wie sie es geschafft hat, dass ich mir als Baby nicht den Kopf platt gelegen habe. Ich nehme mich meinem Spiegelbild an. Hin und wieder schwarze Flecken auf der Kopfhaut, teilweise glatte Haut. Sieht bisschen aus, wie das Fell einer Kuh. Tatsächlich sind meine Gesichtszüge aber doch noch sehr weiblich. Ich habe ja auch noch Augenbrauen. Und meine hohen Wangenknochen geben meinem Gesicht die nötige Kontur. Davor hatte ich am meisten Angst – undefiniert auszusehen. Natürlich ist es ungewohnt. Das da gegenüber ist mir fremd.

Ich fange an mich zu schminken. Kim-Kardashian-Like. Highlights auf dem Nasenrücken, unter den Augenbrauen, oberhalb der Lippe, dreieckig unter den Augen. Schattierungen im Wangenknochenschatten, den Schläfen, entlang der Kieferknochen und neben dem Nasenrücken. Augen betonen. Ich bin, wie soll ich sagen, zufrieden wäre übertrieben, aber ich arrangiere mich mit meinem Spiegelbild. Eindeutig weiblich. Ich akzeptiere ihn, den kahlen Kopf – Glatze möchte ich nicht sagen, das klingt männlich und unästhetisch – aber Freunde werden wir nicht. Niemals.

Nachdem ich nun also mein neues Spiegelbild kenne, beschließe ich, schnell mein Selbstwertgefühl wieder aufzusetzen. Passt perfekt und besänftigt meine Seele. Vielleicht sollte ich mir was gegen den kahlen Kopf kaufen. Schuhe oder so. Das könnte helfen. Der Mango bei uns ist tödlich für mich. Es ist ein internationaler Store, der vor allem die Mode aus Barcelona vertreibt und niemals, wirklich nie, komme ich aus diesem Laden raus, ohne etwas mitzunehmen. Meine Dopaminausschüttung wird ordentlich angekurbelt. Fix noch bei Douglas reinschneien und noch was für´s neue Schminkfieber abgreifen. Ich bin so happy über meinen neuen matten Lippenstift. Jahrelang habe ich meinem Lieblingslipgloss von Manhattan hinterher getrauert. Produktion eingestellt. Und da kommt Maroni um die Ecke und hat DEN Tipp: NYX. Sogar tierversuchsfrei, aber L´Oreal hat sie doch eh alle gekauft.  Wunderbar!  Schuhe habe ich zwar nicht gefunden, aber das ist ja immer so. Wenn ich losgehe und eine Hose brauche, komme ich mit zahlreichen, vollen Tüten nach Hause – nur die Hose, die is´ nich´ drin. Trotzdem: Erfolgreicher Tag. Ich bin glücklich.

Abends dann, nachdem ich mein Selbstwertgefühl wieder auf dem Nachttisch abgelegt habe, traue ich mich noch einmal vor den Spiegel. Die Gefühlsachterbahn von Selbstwertgefühl-on-top bis hin zur kahlen-Kopf-Weltuntergangsstimmung ist wirklich nervenaufreibend. Es wird sicher noch eine Weile dauern, bis der Blick in den Spiegel mir keinen Mut mehr abverlangt, bis ich mich wohl fühle, auch ohne Haare und Attraktivität und Selbstbewusstsein ausstrahlen kann, bis ich davon überzeugt bin, dass auch ein kahler Kopf Schatzi nicht davon abhält, mich hübsch zu finden.

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