Dinge, über die man nicht sprechen möchte – Schmetterlingsfissur

Ich habe mich dazu entschlossen, einen Blog über Morbus Hodgkin zu schreiben und darüber aufzuklären, wie die Krankheit abläuft, was für Symptome oder Nebenwirkungen sie mit sich bringt. Also mach´ ich das. Mit all den Konsequenzen, die das so nach sich zieht. Hemmschwellen darf’s also nicht geben. Und glaubt mir, die Schwelle über Nachfolgendes zu sprechen, ist ungefähr genauso hoch, wie der Mount Everest. Ich war noch nie da, aber ich glaube er ist SEHR hoch. Ausreichend hoch zumindest, um zu zeigen wie groß meine Hemmschwelle ist. Es gibt Dinge, mit denen möchte man sich mit Mitte 20 dann wirklich einfach nicht beschäftigen. Und normalerweise ist das vermutlich auch nichts, was man mit seinen Freunden, der ganzen Familie und schon gar nicht Fremden besprechen würde. Aber das „normalerweise“ hat sich ja schon erledigt, als ich angefangen habe, über meinen Lyhmpdrüsenkrebs Lilli zu sprechen. Macht man ja auch nicht. Krebs, das böse Tabuthema. Ich breche damit und ihr auch, schließlich lest ihr es. Also sind wir vermutlich so weit, dass Tabus für uns kein Thema mehr sind. Also, lasst uns über Fissuren sprechen.

Wie das schon klingt. Ich habe ganz vorsichtig und erstmal heimlich die Suchbegriffe „Riss am Poloch“ bei Google eingegeben. Tat halt weh, als meine Schmetterlinge im Bauch meinen Körper verlassen haben, hat geblutet. Und ist das schließlich nichts, worüber ich Bescheid weiß. Nicht weiß, was man jetzt tun muss – woher denn bitte auch? Suchergebnis: Analfissur – oh

mein Gott, ist das eklig. Das will ich nun wirklich nicht haben. Schon damals, als ich las, dass man Hämorriden bekommen kann, da die Schleimhäute in der Chemotherapie gereizt sind, habe ich inständig gebetet, dass mir das erspart bleibt. Bislang übrigens erfolgreich.

Analfissur also, lieber Schmetterlingskanalfissur – das klingt vielleicht besser, ist ein Längsriss in der Schleimhaut des Schmetterlingskanals. Und das tut weh und kann immer wieder einreißen, blutet dann und brennt halt wie verrückt. Im schlimmsten Fall kann es sich dann auch noch entzünden. Sind ja überall Keime da. Aber so weit ist´s bei mir noch nicht. Mit Wasser ausspülen steht im Netz. Cremes und Zäpfchen werden empfohlen. Was sagt man dann in der Apotheke: „Entschuldigen Sie bitte, ich habe eine Schmetterlingskanalfissur, was empfehlen Sie da?“ „Eine was?“ Räuspern und flüstern: „eine Analfissur.“ Hektisch umdrehen und hoffen, dass niemand Anderes es gehört hat. Ich sollte es lieber Online bestellen, das wird mir sonst zu peinlich. Vor allem weil ich mich im Moment bei meiner Familie befinde. Einem kleinen Ort an der Ostsee. Der Ort ist so klein, dass jeder jeden kennt und das Getratsche groß ist. Man kennt mich – und ich möchte nicht, dass meine Schmetterlinge Inhalt dieses Getratsches werden.

Nachdem ich dann all meinen Mut zusammengenommen und  Vitamin-Mum erklärt habe, dass ich  mich in einem großen, fürchterlichen Dilemma befinde, hat sie mich beruhigt. „Das geht weg!“ Das Internet sagt, man solle sich ballaststoffreich ernähren. Müsli ist also gut, macht die Schmetterlinge weich. Oma’s Tipp, Penaten auf alles zu schmieren, hat sich in der Familie bereits bewährt. Mach´ ich also. Ansonsten muss sich Dienstag Frau Dr. Ständig-Lächelnd was einfallen lassen. Denn zu oft sollte das wohl nicht aufreißen, dann kann es nicht verheilen und chronisch werden. Dann muss man da auch noch operiert werden. Mein Kopfkino mit den laut klingelnden Alarmglocken brauche ich glaube ich nicht weiter ausführen.

Wenn Ihr das nun also mal haben solltet, seid ihr gerüstet, wisst etwas Bescheid und könnt euch wieder beruhigen. So schlimm ist das wohl nicht und wird sicher auch weggehen. Daumen drücken ist erwünscht. Rückfragen eher nicht. Einige Tabus sollten wir uns dann doch einfach beibehalten, wir sind ja nicht Miley Cirus. (Oma, du erinnerst dich, die Abrissbirne?) Wir wollen uns ja nochmal wieder in die Augen gucken und es könnte passieren, dass ich euch sonst die Freundschaft kündigen muss, wenn wir uns darüber ausgetauscht haben. Zu peinlich wäre mir das. Belassen wir es also bei diesem Beitrag und schweigen ihn tot. In diesem Fall ist das okay.

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