über Krebs sprechen

Wenn deine Freundin Krebs hat

Heilige Scheisse, was redet sie da? Krebs? Ist doch Quatsch! Sie ist 23! Sie hat sicher nicht zugehört. Ich weiß, sie kann dramatisch sein, aber das wär‘ dann auch für sie übertrieben. „Das hast du sicher falsch verstanden!“ Ok, das hätt‘ ich nicht sagen sollen. Ich dachte sie war heute beim Lungenarzt. Ich versteh das nicht. Hm, also „wir schaffen das mein Schatz, egal was passiert, wir schaffen alles!“ – so sagt man das doch, oder? Man ist auf diese Situation nunmal nicht vorbereitet. Ich dachte auch, dass man bei sowas gemeinsam beim Arzt sitzen würde und vor einem jemand sitzt, der einem mit mitleidigem Blick das Ausmaß und weiteres Vorgehen der Krankheit erklärt. So wie in Filmen halt. Und nicht, dass meine Freundin mich heulend mit dem Auto abholt, an der Seite ranfährt und mir erzählt, sie hätte Krebs. Ich habe keine Ahnung, was jetzt hilft, aber sie mag Pizza. Vielleicht hilft das ja.


Ich hab keinen Plan, wann sie welche Untersuchungen hat. Ganz viele zumindest, die ganze Woche durch. Bei den wichtigsten versuche ich, Urlaub zu bekommen. Ich hab viel zu tun auf der Arbeit,
hab´ ja auch grad erst die Probezeit rum und ich will es zu was bringen. Das wollen wir beide. So sind wir. So spontan Urlaub zu nehmen, ist nur leider nicht so gern gesehen. Im Business interessiert es nunmal keinen, ob deine Freundin Krebs hat. Das haben wir schnell begriffen. Über das Desaster bei der Lumbalpunktion sprechen wir übrigens nicht. War das widerlich! Und nein, bei all´ der Liebe zu ihr, in den Kreissaal gehe ich nicht.

Sie macht das gut. Wahnsinn. Also ich könnte das nicht. Sie hat mich gefragt, ob ich geweint hätte, wenn ich die Diagnose bekommen hätte. Ich kann es mir nicht vorstellen, aber wenn ich es jemandem erzählen hätte müssen, dann bestimmt. Aber so richtig sicher bin ich mir dann doch nicht. Sie weint vor den anderen eigentlich nicht. Manchmal bei ihrem Dad am Telefon. Aber meistens abends, wenn wir im Bett liegen. Sie entschuldigt sich dann dafür, dass sie uns in diese Lage gebracht hat oder sowas. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Es ist doch nicht ihre Schuld. Ich versuche zu trösten, einfach da zu sein. Ich hoffe das reicht ihr. Ich weiß nicht, was sie durchmachen wird und ich weiß nicht, ob sie das packt. Und ob ich das packe, wenn sie es nicht tut. Sie ist es doch immer, die alles unter Kontrolle hat, alles plant. Sie weiß was sie tut, was man tun muss, was man nicht tut. Sie managed uns. Ich bin selbstständig, keine Frage. Aber ich weiß nicht, ob ich diese Verantwortung übernehmen kann. Sie muss einfach stark bleiben! Von meinen Ängsten sage ich ihr natürlich nichts, ich bin doch keine Heulsuse. Außerdem wird das schon irgendwie werden.

Haare, Haare, Haare. Ich verstehe das nicht. Ist doch nichts dabei. Sie ist hübsch, mit und ohne Haare. Klar fallen die aus, gehört halt dazu. Hauptsache ist doch, dass es einem danach besser geht. Und die Dinger wachsen doch auch wieder. Sie kann dann alle Frisuren ausprobieren. Ist doch sau cool. Wir zelebrieren das natürlich, sie mag das Drama ja. Also färben wir und schneiden und schneiden nochmal. Ich dachte, sie kriegt’s hin. Eigentlich war sie ganz taff. Aber Scheiße man, nichts geht mehr. Ist sie da fast abgeklappt. Einatmen Baby! Komm schon. Heiliger Hering. Da geht mir die Pumpe. Aber gut, auch das haben wir hinbekommen. Sie ist über’m Damm. Klar will ich nicht sehen, dass sie leidet, wer will das schon? Aber es hilft ihr doch nicht, wenn ich daneben stehe und mitweine oder ihr ständig sage, wie furchtbar das Ganze auch für mich ist. Oder das auch ich Angst habe. Sieht übrigens gut aus die Glatze. Perfekte Kopfform. Hätte ich auch gerne, wenn meine später mal ausfallen. Sie ist so hübsch. Ich mag ihre große Augen. Sie sieht jetzt noch süßer aus. Es wird ihr sicher gefallen, wenn sie gleich in den Spiegel guckt. Ich werd sie noch etwas schminken, dann fühlt sie sich noch besser. Ich mag sie ungeschminkt zwar am liebsten, aber ich weiß, dass ihr das Zeug wichtig ist. Sie will nicht in den Spiegel gucken. Vielleicht ist’s wirklich besser so. Sie hat genug geweint für heute.
Wie mittlerweile gewohnt, weint sie abends wieder. Diesmal, weil sie sich nicht vorstellen kann, so – mit 2 neuen Narben und ohne Haare – geliebt zu werden. Aber wer bin ich denn? Ich bin doch nicht 4 Jahre mit ihr zusammen, weil sie gut aussieht! Sie macht mich verrückt, jeden Tag lachen wir. Wir ärgern uns ständig und sie liebt mich, wie ich bin. Wir haben letztens die Vorschau zu diesem Film gesehen, wo der Mann es erneut hinbekommen muss, dass die Frau sich in ihn verliebt, nachdem sie ihr Gedächtnis verloren hat. Ich glaube nicht, dass ich sie nochmal von mir überzeugen könnte. In Sekunden würde ich mich nach einem solchen Unfall erneut in sie verlieben. Das glaubt sie natürlich nicht, aber es ist so. Damals hatte ich einfach Glück, dass sie mich wollte und bei mir geblieben ist. Die Narben sieht man außerdem gar nicht und sie sieht toll aus, auch ohne Haare. Die haben mich sowieso immer genervt, wenn sie kuscheln wollte. Immer hat man die im Mund. Und sie hat ein wahnsinnig weibliches Gesicht. Aber man redet gegen Wasserfälle, wenn man ihr das verklickern will. Ich bin ja nur ihr Freund und „müsste sowas ja sagen“. Ich möchte Sie immer noch jede Sekunde anfassen und küssen. Aber sie fühlt sich unwohl. Nur in der Aplasiephase küsse ich sie nicht. Ich hab keine Lust darauf, Schuld zu haben, dass sie ins Krankenhaus muss. Das mit den Keimen ist nämlich nicht so cool, da will ich kein Risiko eingehen.

Ich versuche, sie möglichst häufig abzulenken. Möglichst alles normal zu gestalten. Gutes Essen gefällt ihr, also kaufe ich alles was sie mag. Ich koche auch. Nach der Arbeit. Mein Chef liebt es nämlich, mir Termine nach 18:00 Uhr zu setzen. Ich versuche dem Spagat zwischen Beruf und dem Wunsch permanent für sie da zu sein, Stand zu halten. Am Wochenende bin ich platt. Es ist ungewohnt, dass sie nicht wie sonst, so gut drauf ist. Es bricht mir das Herz, sie leiden zu sehen. Aber ich weigere mich, sie als eine Kranke zu sehen. Ich mag ihre Krebsmütze nicht. Ist doch Unfug – die Glatze ist hübsch und vor mir kann sie sie selbst sein. Im Moment jault sie ständig, dass ihr schlecht ist. Sie hat noch nie vor mir gespuckt, mal vom Alkohol vielleicht, aber das zähle ich nicht – da wird auch diesmal nichts kommen. Und, dass sie fett ist, vom Cortison. Auch absurt, ich sehe nichts. Und, dass sie ganz viel Hunger hat. Na und? Tut ihr gut, dann nimmt sie vielleicht endlich mal wirklich zu. Aber ich weiß, dass das vorübergehen wird. Denn sie ist stark. Und solange sie stark ist, schaffen wir beide das.“

So in etwa stelle ich mir die Gedanken von Schatzi vor. Nach Rücksprache mit ihm kommt das wohl auch in etwa hin. Klar spreche ich über seine Gefühle und wenn wir zu sehr über den Artikel sprechen würden, würden wir ja tatsächlich über seine Gefühle sprechen. Das machen Männer nicht. Ist bei Super-Dad so, bei Fetti so, warum sollte ich mir also einen Freund aussuchen, der das anders sieht. Ih fragt euch sicher, warum ich aus seiner Perspektive schreibe? Weil ich mir Gedanken darüber mache, was in ihm vorgeht. Es geht nicht nur um mich, das habe ich schon einmal gesagt. Es ist wichtig zu wissen, dass man das Leben der anderen leider zwangsläufig beeinflusst. Dass das, was sie dir sagen, vielleicht die Wahrheit ist oder eben nicht. Zu hinterfragen, was er tut und sagt, es aufzuschreiben, zeigt mir heute mehr als alles andere, warum ich mich nicht aufgeben sollte. Ich bin dankbar, dafür dass er da ist und mich auffängt. Mich nicht krank behandeln will und versucht stark zu sein. Danke Liebling, einfach Danke!

Leave a comment

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>