Nebenwirkungen in der Chemotherapie

Mein besten Freunde und der Thrombozyten-Eklat

Ins Auto steigen, Intoxicated – das gute Laune Lied vom letzten Mal läuft. Gute Laune. Nachdem ich gestern morgen erst noch das Rundum-Sorgenpaket runtergespielt hatte, (ich fühl´ mich nicht hübsch, ich hab´ ein dickes Gesicht, mir ist schlecht, ich bin schlapp, mir ist schwindelig, ich mag nicht mehr, es wird sicher schlimmer im nächsten Zyklus) habe ich mich dann gedanklich an den Haaren ins Bad geschliffen und mir innere Stärke ins Gesicht gemalt, meinen Bikini angezogen und mich auf den Balkon gelegt. Später sind Schatzi und ich mit meinem Selbstwertgefühl spazieren gegangen und haben ein Eis gegessen, danach Dorade gegrillt und abends konnten wir sogar so spontan sein und mit den Nachbarn – die 3 Studentenjungs, die immer mit vollen Gläsern vor der Tür stehen, in einen Beachclub gehen. Sogar ´ne Weinschorle habe ich mir gegönnt.

Ich dachte, hier bin ich wieder. 6 h Schlaf und eben zur Blutkontrolle fahren. Dr. Ständig-Lächelnd hat heute Urlaub, also nehme ich mit einer Vertretung vorlieb, die wohl nicht im gleichen Lächelkurs anwesend war, wie sie.
„Oh, das sieht nicht gut aus. Sie bleiben bitte in Quarantäne und tun so, als wären Sie im Krankenhaus!“ Kurzgesagt: Hausarrest! Is´ klar! Ich hab´ gestern ´ne Weinschorle getrunken, mir geht´s gut, übertreiben Sie mal nicht. „Die Werte sagen da etwas Anderes. Wenn Sie bluten oder Fieber über 38,2 Grad bekommen, begeben Sie sich umgehen – und ich meine damit sofort! – in die Notaufnahme.“ Okay Spaßbremse, hab´ ich ja verstanden und frage mich noch immer, warum ausgerechnet „Komma 2“ so wichtig ist.

Ich hab ein Fieberthermometer für vielleicht 3 € von Amazon. So eines für „unter den Arm“ oder „in den Mund“, weil man das ja eh nie braucht. So selten, dass man, wenn man es dann braucht, nicht mehr weiß, wo es das letzte Mal denn hingesteckt wurde und es vor dem Gebrauch lieber erstmal desinfiziert. Wie um Himmels Willen soll ich mir denn bei dem Ding sicher sein, ob ich wirklich unter „Komma 2“ liege, wenn es das anzeigt. Das könnte kniffelig werden. Aber ich bin überzeugt, dass ich mich dieser Herausforderung nicht stellen muss, da ich gesund bleibe. Diesmal sind es übrigens die Thrombozyten, zuständig für die Blutgerinnung, die nicht so hoch sind, wie sie sein sollen. Orangen soll man essen – das mach´ ich.

Demotiviert und trotzig halte ich nicht so viel vom Kontaktverbot und fahr´ noch eben zu den Pinots ran. Sushiabend für die kommende Woche ist geplant, jetzt geht´s mir besser. Also dann, „Chillen extreme“ – darin bin ich ja schon gut. Langes Telefonat mit Candy-Brandy, einfach Girlstalk – Neuigkeiten und Apothekentipps austauschen, feststellen – wir lästern ja nicht, gegenseitiger Aufbau im Kampf gegen Lilli und dem Hauptpraktikumsbericht nach 63 Seiten. Gut, dann muss ich ja nur noch 55 h weiter Stunden Chillen.

Klingel läutet. Ich hab´ nichts bestellt – doch schon, aber erst heute, nach dem Hausarrest. Neue Armbänder für meine Uhr – die kann man nämlich austauschen! Sau cool.
Riesiges Paket also. Der Absender verrät, hier sind gute Sachen drin! Leuchtende Augen. Paket auf. Große Augen. Karte gelesen. Nasse Augen. Heulen. In meiner Ausbildung hatte ich das Glück, in ein wirklich tolles Team aus 3 Frauen zu geraten, die mich aufgrund ihres reifen Alters – ich mach´ gerne Spaß darüber, alle sind zwischen 29-39 – schon in vielen Lebenslagen beraten haben. Bis heute versuchen wir, regelmäßig Kontakt zu halten, wenngleich wir aus unterschiedlichsten Gründen inzwischen alle nicht mehr in dem Büro zusammensitzen.

Zahlreiche kleine Geschenke verbergen sich in dem Riesenkarton. Erstmal rausholen und die Schokoladenleckereien – meine Mädels kennen mich und wissen, dass ich am liebsten die weiße mag, in den Kühlschrank packen. 32 Grad – vielleicht sind es 31,8 – da kann man sich so sicher nicht sein – hat die nämlich leider nicht so gut verkraftet. Und ich packe aus: von was zum lesen, was zum hören, was zum gucken, was zum naschen, was zum trinken, was zum puzzeln, was für die Nudeln ist alles dabei. Besser als Geburtstag!

Es geht aber gar nicht um die materiellen Dinge, die das Päckchen enthält. Ich bin einfach überglücklich, weil mir bewusst wird, dass ich nicht alleine bin. Tolle Freunde habe. Freundschaften geschlossen habe, die auch ohne täglichen Kontakt auskommen. Und damit meine ich nicht nur meine Hamburger Girls, die es heute einfach nur noch einmal auf den Punkt gebracht haben, auch die Hähnchen, die Profi-Golferin und Candy-Brandy, die Pinots und Lucky-Grey, die KLKAMABAs (Schatzis Familienklan) und allen voran natürlich Schatzi und meine eigene Familie.
Aber auch die Unterstützung durch meine Leser aus mittlerweile ganz Deutschland gibt mir viel Kraft! Auch ihr seid nicht allein.
Ich bin nicht allein. Ich kämpfe nicht allein.
Lilli ist allein. Und sie wird sterben.
Nicht mehr wachsen, wie meine Dankbarkeit und Liebe zu euch.

Artikel fertig, dachte ich. Schnell nochmal im Kalender gucken, wie alt die Hamburger Girls wirklich sind. Wenn man sich so gut hält, … wir lassen das mit dem Einschleimen, okay? Vor´m Kalender stehen, Laptop in der Hand, schwarz. Schatzi auf dem Sofa, Blick in den PC, Kopfhörer mit Musik in den Ohren. Ich kann den Laptop noch auf den Küchentisch retten. Was hätte Super-Dad wohl gesagt, wenn ich wieder mal ein technisches Gerät auf ungewöhnliche Weise geschrottet hätte – da habe ich nämlich Talent für. Da liege ich dann also ganz schnell auf dem Boden. Schwarz wird nicht heller, alles zittert. Schatzi rufen, der nichts hört. Pure Panik. Nochmal. Jetzt. Pure Panik und Zittern – jetzt bei ihm. Beine hoch und da bin ich dann auch schnell wieder. Wir müssen lachen, er mit meinen Beinen in der Hand, ich am Boden. Wie sooft muss ich also wieder erstmal fühlen, statt gleich zu hören. Mit 29-39, wenn ich reif bin, dann ist das vielleicht anders. Vorher einigen wir uns darauf, dass ich mich also doch schone und Schatzi keine Musik mehr mit Kopfhörern hört.

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