Wir haben die Wahl, ein Leuchtmensch zu sein – Psychoonkologie

Ich brauche keinen Psychodoc. Danke, aber die sind für Leute, die kaputt sind. Und kaputt bin ich nicht. Ich halte auch nicht viel von denen. Vielleicht verständlich, wenn man bedenkt, dass ich während der Fibromyalgie ständig neu durchleuchtet wurde, weil man nicht wusste, was ich überhaupt hatte. Findet man nichts Physiologisches, ist´s wohl der Kopf, der einem Ärger macht. Also einfach noch ein psychologisches Gutachten erstellen, irgendeiner wird schon sagen: „Jap, die hat einen weg!“

Vernachlässigt wurde ich sicher, hab´ ja 2 jüngere Geschwister. Daher kommen die Schmerzen also. Hätten wir auch selbst drauf kommen können. Ob Super-Dad mich vielleicht betatscht hat – sicher doch, geht´s noch absurder? Münchhausen-Stellvertreter – Logo, Vitamin-Mum macht mich krank. War dann auch egal, was ich gesagt hab´ – wenn du nach 2 Jahren Doc-Hopping endlich eine Diagnose willst, dann kriegst du die halt auch! Basta! Einmal den Stempel „vernachlässigtes Kind sucht Aufmerksamkeit, bitte!“

Und trotzdem ahne ich, dass der Weg der Chemotherapie möglicherweise nicht so leicht wird. Dass vielleicht keiner die richtigen Worte finden kann, mich zu unterstützen, weil eben keiner genau das fühlt, was ich fühle. Wovor ich Angst habe. Depressionen, lese ich, bekommen viele nach der Chemotherapie. Kein Wunder, wenn man sich alleine fühlt. Die Menschen um dich rum, nicht wissen, was du durchgemacht hast. Und wenn das, womit du dich 4 Monate oder länger noch auseinandergesetzt hast, plötzlich weg ist und einfach keinen mehr interessiert. Wenn du von 0 auf 100 wieder funktionieren sollst, weil du wieder gesund bist. Du aus deiner Isolation gerissen wirst und alle weiterhin über deine Tabuthema-Krankheit schweigen.

Ich bin nicht kaputt. Aber das bin ich auch nicht, wenn ich mir eingestehe, dass ich Angst davor habe, kaputt zu gehen. Hilfe annehmen, obwohl ich denke, dass ich die eigentlich gar nicht brauche. Ich bin doch stark genug – genau, und deshalb kann ich auch über meinen Schatten springen und mir eingestehen, dass ich gerne jemanden an meiner Seite hätte, der mich vor dieser Angst beschützt.

Powerfrau mit Lockenmähne, verführerischen Augen, Anfang 30 – da hab´ ich mich wohl in der Tür geirrt. 
Hab´ ich nicht. Frau Tzatziki, meine neue Psychoonkologin, ist alles Andere, als der Inbegriff einer Psychologin. Gut so, das gefällt mir. Candy-Brandy hat gefragt, ob sie so heißt, weil sie immer nach Knoblauch riecht. Nein, keineswegs. Nur die banale, fast einfallslose Entfremdung Ihres Nachnamens – und übrigens, ich mag Tzatziki gerne.

Büro ohne Sofa, ich sitze und liege nicht – wir sind nicht im Fernsehen. Auch das gefällt mir. Und dann, worüber sollen wir eigentlich reden? Was sagt man denn nun? Wo fängt man an? Will ich ihr gleich Alles erzählen oder reicht das Notwendigste? Fragt die auch: „Und wie fühlen Sie sich damit?“ – Nutzlose Gedanken, die verschwinden, als sie fragt, ob ich Wasser möchte und mich herzlich anlächelt. (Ob Sie mit Frau Dr. Ständig-Lächelnd im Kurs war?) Es geht einfach los. Von A komme ich zum Y und zurück zum H – unsortiert, aber halt alles, was mich so beschäftigt. Natürlich ist das ein emotionaler Striptease, aber ja nicht vor tausend Leuten, die mit Scheinen wedeln, sondern vor einer Ersatz-Mama, die mit einem warmen Bademantel auf dich wartet. Tut also nicht weh. Tränchen fließen natürlich, dafür bin ich nunmal auch einfach zu emotional. Aber ich fühle mich sogar richtig gut danach. Was sie gesagt hat, dass ich mich so fühle? Hm. Eigentlich war mein Redeanteil 98 % und ihrer 2 % und trotzdem fühle ich mich verstanden und bestätigt. Es reicht, zuzuhören und im richtigen Moment, den richtigen Satz zu sagen – oder die richtige Frage zu stellen, sodass ich selbst zu einer Erkenntnissen komme.

Sie hat mich Leuchtmensch genannt, weil ich eine positive Ausstrahlung habe, die sie nach meiner Geschichte bewundert – Super-Dad würde jetzt sagen, dass sie sicher meine Radioaktivität nach den ganzen MRTs, CTs und Röntgenuntersuchungen meint. Außerdem sagt sie, dass jeder von uns, eine Wahl hat, wie wir mit Situationen umgehen. Ich schlussfolgere: Lilli könnte mich kaputt machen und ich habe die Wahl, das hinzunehmen oder dagegen zu kämpfen. Ich habe die Wahl, ob ich es alleine mache oder ob ich fremde Hilfe annehmen will, um sicher zu gehen, dass sie auch im Nachhinein nichts anrichtet. Vielleicht brauche ich Frau Tzatziki dafür nicht, aber vielleicht halt eben doch. Und wenn ich sie nicht brauche, hatte ich halt nette Gespräche mit einer coolen Frau, habe meine freie Zeit erfolgreich totgeschlagen und konnte mir zumindest einen leckeren Latte Macchiato aus der italienischen Cafeteria des Krankenhauses gönnen. Könnte also schlimmer sein.

3 thoughts on “Wir haben die Wahl, ein Leuchtmensch zu sein – Psychoonkologie

  1. Hallo
    Ich bekam am 22.4.2015 MH im Stadium 4 diagnostiziert. Behandlung nach Studie PD18 (modifiziert), 6 Zyklen BEACOPP eskaliert.
    Das Kontroll PET CT zeigte die erfolgreiche Behandlung. Doch seit die Chemotherapie rum ist und ich von heute auf morgen überhaupt keine Medikamente mehr zu mir nehme, leite ich unter extremen Gelenke Knochen und Muskel schmerzen. Hast du damit auf Erfahrung gemacht?. Beziehungsweise weißt du mehr über die Gründe dieser Schmerzen? Ich bin seit zwei Tagen in einer Reha und hier herrscht ein wenig Ratlosigkeit diesbezüglich und die Schmerzen werden mit einer Polyneuropathie abgetan.
    Falls du irgendwelche Tipps zur Physiotherapie oder Lymphdrainage etc. empfehlen kannst, wäre ich dir über eine Rückmeldung sehr dankbar.
    Herzliche Grüße
    Katharina (44Jahre alt)

    Katharina Antworten

    1. Hallo Katharina,

      erstmal: Alles Gute zum besiegten Krebs!

      Nun zu deinen Schmerzen, mit denen ich nach der Therapie „leider“ keine Erfahrung gemacht habe.
      Zumindest weiß ich, dass starke Knochenschmerzen während der Therapie nicht ungewöhnlich sind. Durch das Absinken der Leukozyten habe ich immer eine Neulasta-Spritze zum Aufbau bekommen, die als Nebenwirkung dann immer für 2 Tage die starken Knochenschmerzen mit sich gebracht hat. Da du, wie ich, im April mit der Therapie angefangen hast, bist du nun also auch schon seit 3 Monaten durch und Knochenschmerzen aufgrund von sich aufbauenden Leukos hätte man ja anhand deines Blutbildes gesehen. Polyneuropathie ist mE also eher wahrscheinlich und nach einer Chemotherapie auch nicht unüblich.

      Vielleicht hat ja aber einer meiner Leser bereits Erfahrungen diesbezüglich gemacht und kann helfen?

      Da ich während meiner Fibromyalgie auch häufig mit Muskelschmerzen zu tun hatte, kann ich dir zumindest ein TENS-Gerät empfehlen. Die elektrischen Strömungen entspannen die Muskulatur und tragen somit schnell zu einer Schmerzlinderung bei. Ich habe damals auch Nifedipin bekommen, welches nervenentspannende Nebenwirkungen hat und daher häufig in solchen Fällen eingesetzt wird. Und ein wenig Calcium für die Knochen kann sicher auch nicht schaden. Besprich das alles aber bitte immer mit deinen Docs, die werden sicher schon wissen, was sie tun 😉

      Erhol dich in der Reha gut!
      Liebe Grüße,
      Caty

      Caty Antworten

      1. Ich hatte vor der Therapie schon manchmal, wenn ich so 10-12Kilometer Nordic Walken war, Schmerzen in der rechten Hüfte. Das war sehr selten. Während der Therapie meldete sich die Hüfte regelmäßig nach der Leukozythen-Spritze. Jetzt gute 2 Monate nach der letzten Therapie hab ich vor allem morgens Schmerzen in der Hüfte und muss erstmal meine Muskeln sortieren, bevor ich in die Gänge komme. Ich hoffe eigentlich auf die Reha, dass die mich muskelmäßig wieder in Schwung bringen. Die Hüftschmerzen wird mir wohl keiner nehmen.
        Was ich im Netz rausfinden konnte, war, dass der Cortisonentzug sich in den Knochen, vorallem in der Hüfte bemerkbar macht. Einige haben das zweifelhafte Vergnügen, sich einige Jahre nach einer erfolgreichen Chemo einer Hüft-OP unterziehen zu müssen. Als Nebenwirkung vom hochdosierten Cortison, eine sogenannte Hüftkopfnekrose.
        Was mir letzte Woche noch in diese Richtung zu Denken gab: Ich war beim Zahnarzt, der machte ne Röntgenaufnahme von meinen Zähnen. Als er die dann am PC eingehend betrachtete, meinte er, dass meine Zähne nach der Chemo erstaunlich gut aussähen, normalerweise wäre nach so ner Behandlung ein deutlicher Knochenabbau zu sehen.
        Meinen Zähnen gehts gut, meiner Hüfte anscheinend weniger. Probleme mit den Knochen sind anscheinend bekannt. Ich werde mich nach der Reha mal mit dem Thema Orthopäde befassen.
        Hat dich die Chemo in die Wechseljahre befördert? Wenn ja, solltest du vielleicht mal in Richtung Osteoporose forschen.
        Ach ja und zum Thema Muskeln: Am Ende der Therapie hatte ich täglich Krämpfe in den Füßen und in der linken Hand habe ich es geschafft selbst beim Pizzaschneiden und bei längeren Telefongesprächen nen Krampf zu bekommen. Dagegen hat mir Magnesium ganz gut geholfen.
        Helfen kann ich zwar nicht, aber es ist augenscheinlich nichts ungewöhnliches mit Knochen, Muskeln und Gelenken nach BEACOPP Probleme zu bekommen. Und unsere Knochen haben ja auch schon ein paar mehr Jährchen auf dem Buckel, als die von Caty :o) (ich bin 40)

        LG
        Catrin

        Catrin Antworten

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