10 Dinge, die man vor der Chemotherapie erledigen sollte – 1/10

Nicht, dass ich behaupten will, dass ich voll die Ahnung davon habe, was zu tun ist. Aber eines weiß ich ganz sicher: die Ablenkung, die meine Lilli-Liste mit sich bringt, ist es allein wert, sie zu lesen und im Zweifel hilft sie dann auch tatsächlich noch weiter. Ich bin planerisch veranlagt, liebe es, Partys zu organisieren; auch beruflich gehe ich möglichst strukturiert vor. Lucky-Grey würde jetzt sicher lachen, denn mein Schreibtisch ist derjenige, der Chaos suggeriert. Schon während meiner Ausbildung war die fehlende Ordnung an meinem Arbeitsplatz einer der wenigen Kritikpunkte – ich wollte daran arbeiten, wirklich, aber dahinter steckt ein ausgetüfteltes System. Ganz sicher. Irgendeins halt. Fragt jetzt nicht welches. Das lenkt vom Thema ab.

Chemotherapie also. Tausend Dinge, die auf einen einprasseln, Millionen Fragen, die sich ergeben und es scheint niemanden zu geben, der einen dort abholen kann, keinen Leitfaden, wie vorzugehen ist. Das versetzte mich in Panik.

1/ 10 – Das „Ding“ beim Namen nennen

„Krebs“, „Morbus Hodgkin“, „Malignes Lymphom“, „Lymphdrüsenkrebs“ – bitte was? Darüber kann man nicht sprechen. Ich selbst ja nicht mal; zumindest am Anfang nicht. Diese Wörter in Verbindung mit mir in den Mund zu nehmen – das gehörte nicht so. Das passt halt nicht zusammen. 

Leider hat auch eine Freundin von mir Krebs (drück dich fest, meine Süße) und ich selbst war also in der Situation: „Wie zum Teufel spricht man sie darauf an, ohne sie zu verletzen? Wie kann man da sein, ohne zu nerven? Was erwartet sie von mir? Will man darüber überhaupt sprechen?“ 

Letztlich gibt es keine Pauschalantwort dafür und es steht mir auch nicht zu, eine Antwort darauf zu geben, was ein anderer tatsächlich will. Ich will lediglich darauf hinaus, dass mir meine eigene Hilflosigkeit bei diesem Thema gezeigt, wie unheimlich wichtig es für mich ist, dass es meinem Umfeld nicht so hilflos geht, wie mir. Ich bin schon ausreichend isoliert, durch eine Krankheit, die nicht gewöhnlich ist, mich vorübergehend außer Gefecht setzt. Meine sozialen Kontakte wollte ich unter keinen Umständen nun auch noch verlieren.

Vielleicht ist der Name „Lilli“ albern, auch weil sie klein, nahezu niedlich ist. Aber hey, jeder kann „Lilli“ in den Mund nehmen ohne in Scham zu versinken. Ohne das Gefühl zu haben, mich zu verletzen. Und tatsächlich habe ich das Gefühl, dass ich mich mit „Lilli“, aufgrund der Distanzierung zum Wort „Krebs“, besser damit auseinandersetzen kann. Auch die Erzählungen darüber bringen zum Lächeln, weil man etwas Positives damit verbinden kann. Immer wieder findet jemand neue Metaphern, wie beispielsweise Lilli in ihrer Badehose zu ertränken. Das „Wie zum Teufel spricht man sie darauf an, ohne sie zu verletzen?“ ist dadurch – zumindest so die Resonanz meines Umfeldes – sehr viel leichter geworden.

Natürlich sollte einem vorher bewusst sein, dass ein offensiver Umgang, insbesondere ein öffentlicher Blog, auch mit sich bringt, dass Leute davon erfahren, denen man es lieber nicht erzählt hätte. Nicht nur, dass Lucky-Grey im Zweifel die Schmetterlings-Story liest – er sagt, er hatte noch keine Zeit, meinen Blog zu lesen; puh, Glück gehabt! – auch Vitamin-Mum wird auf der Straße angesprochen, Fetti und Schnecki in der Schule.
Man munkelt sogar, Super-Dad – berühmt berüchtigt, der Bösewicht meines Heimatortes zu sein – hat nun für gemeine Machenschaften keine Zeit mehr, weil ein großes Unheil über die Familie gezogen ist. Mal ehrlich – sieht Lilli mit ihrem Zauberstab aus, wie ein Unheil?

Diese Scherze sind es, die mich in meinem Kampf – und das ist es leider trotz Allem – bei Laune halten. Ohne „Lilli“ hätte ich einfach nur „Krebs“, müsste mich nicht nur mit meinem eigenen Selbstmitleid, sondern auch noch mit dem meines Umfeldes auseinandersetzen.

Für die Kreativen unter uns – wie wäre es mal mit ein paar Namensideen? Vielleicht haben Einige von euch auch bereits einen Namen und wollen uns dran teilhaben lassen?

2 thoughts on “10 Dinge, die man vor der Chemotherapie erledigen sollte – 1/10

  1. Mein Sohn hat meinen Krebs Hugo getauft
    Er meinte über Hugo zu schimpfen wäre einfacher als scheiß Hodgkin 😉
    Musste ihm recht geben
    Die Klarheit eines 10jährigen. Hoffe er hält seine Kraft wenns zu den ersten “ Hogo-Special-Scheißtagen“ kommt…

    So Long, bleib fit und schreib weiter so erfrischend!!
    Bine

    Bine Loki Antworten

  2. Hallo,
    Ich habe meinen Hodgkin „Anton“ getauft 😉
    Bin jetzt am 2. Tag des 2. Zyklus. Bis jetzt alles ok, hoffe es bleibt so.
    Dein Blog ist super. Hat mir super geholfen!
    Lieben Gruß aus dem hohen Norden

    Daniel Antworten

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