Wenn die Angst vor´m Sterben kommt – Was-Wäre-Wenn-Karussell

„Ich werde sterben.“
Ich habe nicht danach gefragt und trotzdem redet der Mann neben mir einfach drauf los. Bis vor kurzem sah noch alles gut aus, man sprach von Remission, aber jetzt werde er sterben. Mit 47. 2 Kinder habe er und Leukämie. Er sei froh, dass er nun noch Zeit habe, alles mit den Steuern zu klären. Seine Frau wollte die Scheidung, aber nun würde sie bei ihm bleiben.

Welchen Krebs ich habe? Aha. Lymphdrüsenkrebs, da habe er auch schon viele oben auf Station gesehen. Die anderen 25 %. Die, bei denen die Chemotherapie nicht wirkt. Die sich mit Knochenmarktransplantationen auseinandersetzen müssen und mit dem Sterben. Die 25 % über die man nicht nachdenkt, weil alle sagen, dass Morbus Hodgkin so gut zu heilen ist. Weil alles nach Plan läuft und Lilli regredient ist. Weil man darüber nicht nachdenken sollte.

Ich reagiere schockiert, einfühlsam, spreche mein Mitleid aus. Wünsche ihm alles Gute und steige in das langersehnte Taxi. Noch blende ich aus, was in meinem Hinterkopf schlummert. Tage vergehen und ich bin gut im Verdrängen. Immer wieder schiebe ich meine Gedanken beiseite. Aber die Momente häufen sich. Die, in denen ich darüber nachdenke, wie es ist, zu wissen, dass man stirbt. Schon häufiger habe ich das gemacht. Über den Tod nachgedacht. Wie es wohl ist, was danach kommt – aber da war ich weit weg davon. Mit Distanz ist das ok. Aber die Distanz hat sich verkleinert. Zu schnell und zu doll.

Scheiße man. Ich will nicht sterben, jetzt noch nicht. Und ich will darüber nicht nachdenken. Alles läuft nach Plan. „Wie bei dem Mann“, ergänzen meine Gedanken. Die Hälfte der Chemo habe ich rum, bin auf dem Weg zur Remission. „Wie der Mann.“ Die Angst zu scheitern, wie der Mann, wächst.

Nach einigen Tagen nimmt Schatzi mich in den Arm, spürt, dass was nicht okay ist. Und endlich findet meine Angst den Weg nach draußen. Okay, ich weine fürchterlich, bis ich nicht mehr kann, aber danach kann ich endlich darüber sprechen und das tut gut. Getreu dem Mott: Verdrängen ist gut, Rauslassen ist besser.

Ich habe das Gefühl, dass jeder mit Krebs irgendwann diesen Tag hat, an dem er auf das Was-wäre-wenn-Karussell aufspringt. Ich finde das ist ok. Man muss nur rechtzeitig wieder abspringen. Meine Angst ist berechtigt, das weiß ich. Und ich werde sterben, irgendwann ganz sicher – aber nicht wegen Lilli, nicht mit 24. Weil ich kämpfen werde, jeden Tag. Weil ich gute Ärzte habe, die Therapie erfolgversprechend ist. Lilli schrumpft und alles läuft nach Plan läuft. Weil es noch nicht Zeit ist, zu gehen. Und weil ich noch nicht in Irland bei Caries Closet war, um mein Hochzeitskleid zu kaufen, weil ich noch nicht die Herztöne meiner Kinder gehört, weil ich noch nicht 1 Millionen Euro auf dem Konto und noch keinen begehbaren Kleiderschrank habe –  da wird also auch der liebe Gott zustimmen, dass ich noch nicht gehen kann.

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