10 Dinge, die man vor der Chemotherapie erledigen sollte – 4/10

4/ 10 Notfallplan für alle Eventualitäten

Chemo wird Scheiße. Kontrollverlust, Mangel an Selbstwertgefühl, Was-wäre-wenn-Karrussel. Alles kommt, das steht fest. Aber weil es eben voraussehbar ist, kann man sich auch ebenso gut darauf vorbereiten.

Gegen KONTROLLVERLUST hilft neben dem Informieren und Fragen stellen vor allem das Planen. Meine erste Anschaffung ist also ein Kalender. Gut, ich hatte schon einen, aber wäre ich du, und du hättest keinen, dann wäre meine erste Anschaffung ein Kalender. Ich trage die relevanten Tage 1, 2, 3 und 8 Chemotherapie; 11, 15 Blutkontrolle; 21 letzter Tag ein. So weiß ich jederzeit, wo ich stehe. Wann die medikamentenfreie, also gute, Woche kommt. Kann Aktivitäten im Voraus planen und kenne das voraussichtliche Ende der Therapie – vorausgesetzt alles läuft nach Plan A, aber das nehme ich schließlich an.

Letzte Chemotherapie 24.08.2015, genau 1 Monat vor Fettis 17. Geburtstag. Letztes Blutbild 31.08.2015, 9 Tage vor Schatzis Geburtstag. Das beruhigt mich. Vielleicht hätte ich es mit Bleistift schreiben sollen. Verzögerungen des Zyklus können nämlich leicht eintreten, aber dann würde ich diese Wahrscheinlichkeit in Betracht ziehen. Kontrolle heißt, es gibt einen Plan; einen nur, deshalb schreibe ich mit Kugelschreiber. Ich hätte einen Edding nehmen und alle Pocket Mäuse im Haus wegschmeißen sollen, vielleicht hilft das ja?!

In jedem Zyklus plane ich außerdem eine Aktivität weit im Voraus für die 3. Woche. Nicht mehr, weil die Enttäuschung ansonsten zu groß sein könnte, falls doch mal was dazwischen kommt. Aber eine, damit man sich auf etwas freuen kann. Ich plane immer ein Treffen mit Rucki-Zucki. Eis essen, Cocktail trinken, Spazieren gehen. Nicht spektakulär und nicht zu anstrengend. Auch mit Weh-Wehchen gut machbar. Aber immer ein Grund zur Vorfreude, ein Lichtblick in den schwierigen ersten 2 Wochen. Wenn dann alles gut läuft, ist meine 3. Woche natürlich voll mit schönen Sachen. Es ist so wichtig, den vernachlässigten Sozial-Akku aufzuladen.

Besonders einschneidend ist, für mich und das weibliche Geschlecht, leider der Haarverlust. Aber auch der ist vorhersehbar. Um Tag 14 nach der ersten Chemotherapie fallen die Haare aus. Plus minus 4 Tage. Bis zuletzt habe ich gehofft, dass ich eine Ausnahme bin. Bin ich nicht. Man denkt leicht, dass man nun besonders ist, aber Krebs mit 24 bedeutet halt eben doch nicht, nun regelmäßig ins Schwarze zu treffen. Schade. Also nutze ich die Zeit: zum Haare färben, Frisuren testen. Ihr kennt die Storys. Ansonsten filtert in den Kategorien nach Haare und auf geht´s!

Nach dem ersten Zyklus sind außerdem sämtliche Nebenwirkungen planbar. Immer um die gleiche Zeit ist mir übel, habe ich die Schleimhautprobleme, Knochenschmerzen, Schwindel, vertrage einige Lebensmittel nicht. Ich kann also vorsorgen. Die Planung verschafft mir ein unheimliches Gefühl von Sicherheit und das ist wichtig, in dieser nervenaufreibenden Zeit. Ich bin verantwortlich für mich selbst, niemand kann mir den Kampf abnehmen. Mit Planung fällt (mir) das ganze leichter.

SELBSTWERTGEFÜHL baue ich mit Schminke und Klamotten auf. Eigentlich bin ich sparsam, manchmal fast geizig. Aber 4 Monate lang ist mir das egal. Die Einstellung „ich lebe schließlich nur einmal“ tritt schnell ein, wenn man „todkrank“ ist. Frau Tzatziki sagt, dass das weggeht, sobald der Alltag wieder ruft. Also ist es okay, so zu denken, finde ich. Ich kaufe also neue tolle Sachen. Dinge, die ich vorher vielleicht nicht gekauft hätte. Contouringprodukte, fliederfarbener Nagellack, ein Sommerabend-Poncho. Hauptsache ich fühle mich attraktiv.

Um den Wohlfühlfaktor hin und wieder eskalieren zu lassen, gönne ich mir dann noch etwas Rinderfilet von der Fleisch-, Scampis, Dorade und frischen Tintenfisch von der Fischtheke. Außerdem Magnum-Eis und den 5-€-Ziegenkäse im Aschemantel. Glaubt mir, das tut gut.

Trotz allem schafft man es nicht immer, positiv zu denken, einen Plan zu haben und sich wohl zu fühlen. Dann klopft schnell und laut das „WAS-WÄRE-WENN-KARUSSELL“ an der Tür. Richtig Planen kann ich das natürlich nicht, auch wenn ich weiß, dass es diese Tage gibt und noch genug geben wird. Dass die ungewollten, ängstlichen Gedanken irgendwann durchsickern.

Mit all den Maßnahmen, die Kontrolle zu behalten, sich wohl und hübsch zu fühlen, versucht man dem natürlich vorzubeugen. Aber manchmal gewinnt eben doch das Karussell. Dann hilft es nur noch, sich seiner Angst zu stellen. Vorher weine ich immer erstmal noch ´ne Runde. Das ist sowieso die beste Lösung für jedes Problem. Danach oder währenddessen frage ich mich nämlich: Warum zum Teufel muss ich eigentlich schon wieder weinen? Was ist genau das Problem jetzt? Und warum? Wer oder was hat Schuld? Gibt´s was, was jetzt hilft? Pizza oder lieber Eis? Hauptsache die Sorgen nicht in sich hineinzufressen, Eis und Pizza ja, und sie nicht zu ignorieren, Eis und Pizza auch nicht. Wenn ich es dann kanalisiert habe, wird die Angst ganz klein, durchschaubar und ist irgendwie greifbar. Weg geht sie natürlich nicht einfach, das ist klar. Aber ich kann sie nun aus der Distanz betrachten, vom Karussell absteigen und ihr zuwinken. Ich sehe sie vorbeihuschen, wie Kinder auf den Pferdchen.

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