Wenn man tötet, wird´s halt blutig – Bluttransfusion

„Alles in Ordnung mit Ihnen?“ Ich kann kaum noch hören, hab´ die Düsenjets wieder auf den Ohren, sehe nur noch verschwommen. Lieber kurz auf den Boden setzen, ich kenn´ das ja schon. Die Schwestern in der Ambulanz wohl nicht. „Kann mal jemand einen Rollstuhl holen?“ ruft ´ne Schwester. „Kann mal jemand nicht so´n Trara machen“, denke ich.

Gut, der Schwindel ist schon ganz schön nervig. Ganz schön doll. Alleine auf die Toilette zu gehen gestaltet sich als Herausforderung. Aber Schatzi wäre nicht der beste Freund der Welt, wenn er nicht auch das noch mit mir durchstehen würde. Ist auch eine gut Übung für´s schwanger und alt werden. Er ist gut vorbereitet jetzt, man muss das positiv sehen. Auf ihn kann nichts Unerwartetes mehr zukommen.

Wie viel Glück habe ich damals doch gehabt, als ich versehentlich den Lichtschalter getroffen habe und er mich gegen die Wand gedrückt und geküsst hat. Dass die Schmetterlinge in meinem Bauch explodiert sind, anders als ich es kannte, habe ich natürlich sofort gemerkt. Ich dachte immer, das war so, weil es so filmmäßig war. Aber inzwischen vermute ich, dass es so war, weil man wahre Liebe eben doch merkt, wenn man auf sie trifft. Sofort und ganz doll. Kitschig, oder? Wenn ich single wäre und sowas grad lesen müsste, würde ich an dieser Stelle kotzen. Aber hey, seid nicht neidisch auf mich, ich hab´ Krebs. 😉

Zurück zum Rollstuhl. Irgendwann liege ich dann also auf dem Sessel, schnelles Blutbild erfordert Rücksprache mit Frau Dr. Ständig-Lächelnd. Mein Hämoglobin-Wert, auch roter Blutfarbstoff genannt, liegt bei 6; normal bei Frauen sind 12-15,5. Hämoglobin ist zuständig für den Transport von Sauerstoff und ein geringer Wert deutet auf Blutarmut hin. Wenn´s um sowas geht, da reißt mein Körper natürlich die Arme hoch. Vergesst veni, vidi, vici; bei mir heißt es: will ich, krieg´ ich, hab´ ich.

Also wird eine Bluttransfusion für den nächsten Tag bestellt. Eklig irgendwie, der Gedanke, so fremdes Blut in meinem Körper. Natürlich schmeißt man mir wieder Wahrscheinlichkeiten von Komplikationen an den Kopf, aber das hatten wir doch schon – Besteht ´ne Wahrscheinlichkeit, egal welcher Höhe, so besteht sie faktisch einfach. Mein Körper wägt das dann nicht erst ab und rechnet kurz nach, ob er jetzt einer von X sein darf. MEIN Körper sieht es als Herausforderung an, der eine von X zu sein.

Deshalb habe ich natürlich auch die seltenste Blutgruppe. 0 negativ. Habe ich heute erst erfahren. 6 % der Bevölkerung haben 0 negativ. Ich kann allen Blutgruppen spenden. Sagen wir lieber „hätte können“, wenn ich nicht so verseucht wäre. Keine Angst, ich spende kein Blut. Wenn ihr mal auf eine Bluttransfusion angewiesen seid, macht euch keine Gedanken darüber, dass es von mir sein könnte.

Ich schaffe es also irgendwie in die Klinik. Der Taxifahrer muss auch gedacht haben, dass er mich von dort nie wieder abholt. Man sieht blass aus so ohne Farbstoff im Blut und zu allem Überfluss hab´ ich dann heute auch das 1. und auch gleich das 2. Mal gespuckt. In dem Spiegel im Fahrstuhl sehe ich aus wie der Tod auf 2 Beinen. In die Ambulanz schaffe ich es mit vielen Pausen, auf den Stuhl wieder nur mit 2 Schwestern an den Seiten.

Auch das noch, Dr. Motivationslos hat heute Dienst. 2 Beutel, kräftig rot. Er muss einen sogenannten „Bed-Side-Test“ machen, um zu überprüfen, dass meine Blutgruppe nicht verwechselt wurde und die Lieferung der Bluttransfusion zu mir passt. Wenn es agglutiniert, also verklumpt, ist´s nicht gut. Er schüttelt und schüttelt, guckt ahnungslos umher. Inzwischen mag ich Dr. Motivationslos. Er ist wirklich nett, aber die mangelnde Motivation macht mir Angst. Manchmal denke ich: „Der hat doch keinen blassen Schimmer, was er da macht.“ Hat er natürlich, hat ja studiert, mit Motivation, hoffe ich.

Wie dem auch sei, Bluttransfusion hängt. Übrigens bekomme ich nicht das ganze Blut eines fremden Menschen, also nicht alle Bestandteile. Das ist gefiltert, ich brauche nur Erythrozyten, rote Blutzellen, also bekomme ich auch nur die. Und dann spüre ich: nichts. Fühlt sich nicht anders an, als das, was sonst so durch den Port fließt. Nach 40 Minuten fühle ich mich besser, nach 3 Stunden richtig fit. Die Haut ist wieder rosig, der Blick in den Spiegel des Fahrstuhls bestätigt das. Ich werde nicht, wie sonst üblich, übertreiben und direkt was unternehmen. Ist ja schließlich auch wieder „Menschen-meiden-Woche“, wie die Laukart sie heute genannt hat. Aber nächste Woche, ich sag´s euch: die gehört mir!

P.S.: Falls die Bluttransfusion übrigens nicht ausreichen sollte, esse ich heute Grillfackeln und morgen Steak.

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