Ich würd´ gern eben die Bestrahlung gegen einen Motivationskick tauschen. Hier ist die Quittung.

Woche 3 in Zyklus 4. Was das bedeutet, ist klar: Rucki-Zucki treffen mit Erdbeer-Mojito und Weinschorle, Zeit vertreiben oder besser: Geld ausgeben bei Ikea. Frikadellen hab´ ich für Fetti gemacht. Meine ersten und wie er sagt: die besten, die er je gegessen hat. Und wenn er das sagt, dann kann man wahrhaftig stolz sein. Was Essen angeht, denkt er nämlich er wär´ Christian Rach oder Jumbo, was die Portionen angeht. Und rote Pumps gekauft, für den Salsa-Schnupperkurs am Freitag mit Schatzi. Die Laukart und ihr Anhang kommen auch mit, das wird witzig. Heute hab´ ich außerdem Latte Frappé getrunken. Und Sonntag gehen wir in den Zoo. Fetti, Schatzi und ich. Verrückt, was man alles macht, wenn man zu viel Zeit im Leben hat. Sag ich noch zu euch: „Versucht nicht nachzuholen, was ihr die anderen Wochen denkt verpasst zu haben“, bin ich vermutlich die Königin darin, diesen Ratschlag zu überhören.

Aber schon jetzt schlummert der Gedanke an den kommenden Zyklus in mir. Die anfängliche Power bröckelt häufiger. Immer öfter gibt es Momente, in denen ich denke, dass ich die letzten 2 Zyklen nicht mehr schaffe. „Ab dem 4. Zyklus wird es immer schlimm und mit jedem weiteren schlimmer“ hat eine Apothekerin gesagt. Hm, sagt man da „Danke für den Motivationsschub“? Dachte ich am Anfang noch: „Wenn es so bleibt, dann kriegt man das gut hin“, bin ich nun häufiger nicht mehr so zuversichtlich.

Zu allem Überfluss war Frau Dr. Ständig-Lächelnd auch noch ehrlich zu mir, als ich gefragt habe, wie es denn „danach“ eigentlich aussieht. Ob sie mir bei dem Abschlusstermin am 14.09.2015 dann ein High-Five gibt, sagt, wir könnten Freunde bleiben und mir viel Spaß beim Arbeiten wünscht oder wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ich danach noch bestrahlt werden muss; unsere Wege sich also noch ein wenig kreuzen. Sie hätte lügen und sagen können, dass man darüber keine Aussagen treffen kann – die Enduntersuchungen abwarten müsste. Hat sie aber nicht. Leider oder Gott sei Dank – das habe ich innerlich noch nicht beschlossen – war sie ehrlich. Mit großer Wahrscheinlichkeit, sagt sie, ist eine Bestrahlung unumgänglich. Mit meinem Stadium, typisch für´s Hodgkin Lymphom, erfahrungsgemäß, die Studien zeigen, häufig bleibt Restgewebe über einer Größe von 1,5 cm zurück, blablabla. Insgesamt einfach nicht das, was man hören will, wenn man so nach Motivation für den nächsten Zyklus sucht. Aber sonst hätte ich da gesessen, hoffnungsvoll, dass nun endlich alles vorbei sein könnte, am 14.09. mit Schatzi zusammen, und dann wäre mir der Boden unter den Füßen weggerissen worden. So bin ich nun vorbereitet, darauf, dass es halt doch noch weiter geht.

Die Vernünftigen um mich herum sagen: „Ja, aber so ist es doch besser, dann bist du sicher, dass wirklich alles weg ist.“ Da hätt´ ich gerne den Durchzug-Knopf in meinen Ohren gedrückt. Trotzig, wie ein Kleinkind. Weiß ja irgendwie, dass das richtig ist, hören will ich´s trotzdem nicht. Meine Motivation, stark zu bleiben, sinkt halt und das Risiko der Unfruchtbarkeit und das für Brustkrebs, aber vor allem  das Verlangen, einfach wegzulaufen und aufzugeben, steigen. Was für einen Wert hat es, vollkommen gesund sein, wenn das Risiko danach noch unglücklicher, erneut krank – gar kranker – zu sein, besteht.

Aber wofür trägt Super-Dad seinen Namen? Oder wofür hat man einen Papa, wenn Schatzi mal nicht kann. Also er und ich, 7 Tage Spanien, Sonne, Meer, geiles Essen und Wein oder Cocktails, zwischen Chemo und Bestrahlung. Wenn das mal keine Motivation ist, weiß ich auch nicht. Für die, die nun schockiert sind: Schatzi und ich fahren auch noch. Dann, wenn ich so richtig gesund bin. Aber nun ist Super-Dad erstmal dran, mich zu verwöhnen. Häng´ ich also Montag am Cocktail, denke ich an Sangria, Scampi und Meer. Und sollte ich diesmal spucken, dann nur, weil ich in meinen Gedanken zu viel Salzwasser beim Schwimmen getrunken oder einen Sonnenstich habe.

Motivation ist einfach das A und O. Deshalb habe ich beschlossen, eine Fuck-you-Lilli-Liste zu erstellen. Andere erstellen Löffel-Listen, Dinge die sie tun wollen, bevor sie den Löffel abgeben. Aber ich werd´ das ganz bestimmt nicht tun – vielmehr gilt es, eine Motivation zu haben, das Leiden zu ertragen und danach ordentlich Spaß am Leben zu haben.

Meine Fuck-you-Lilli-Liste gibt´s die Tage für euch.
Denkt doch auch mal drüber nach. Was habt ihr euch vorgenommen, wenn alles vorbei ist? Oder was ist eure Motivation für den nächsten Zyklus? Erzählt doch mal ein bisschen aus dem Nähkästchen, ich klau´ auch nicht, versprochen! Hm. Nee, war gelogen, wenn´s richtig gut ist, klau´ ich bestimmt.

One thought on “Ich würd´ gern eben die Bestrahlung gegen einen Motivationskick tauschen. Hier ist die Quittung.

  1. Ich finde auf deine Fuck-you-Liste gehört definitiv 1.) der Macarena Tanz und 2.) Satellite ganz laut hören und noch viel lauter mitsingen! :)

    Anna Antworten

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>