10 Dinge, die man vor der Chemotherapie erledigen sollte – 8/10

8/10 Langeweile in der Chemotherapie vs. Ablenkung und Eigeninitiative

Bei der ganzen Aufruhe und Hektik, die Lilli so im Gepäck hat, bin ich erstmal sogar froh, als Ruhe einkehrt; ich mich mit mir selbst beschäftigen kann. Die ersten Tage ist es sogar cool, ein wenig auf dem Sofa zu chillen. All die Filme zu gucken, die man das letzte Jahr verpasst hat und die Bücher in die Hand zu nehmen, die man zum Geburtstag geschenkt bekommen hat, aber noch keine Zeit hatte, sie zu lesen. Und dann kommt die zweite Woche. Die über den Tag einhergehende soziale Isolation droht, mich zunehmend irre zu machen. Hinzu kommt die Unfähigkeit, so richtig aktiv zu sein. Jede Tätigkeit, die eine Ablenkung verschaffen könnte, ist verboten; im Sinne von erhöhter Ansteckungsgefahr, verbunden mit dem Tragen eines Mundschutzes oder zu anstrengend. Eine Aufgabe fehlt. Vielleicht ein bisschen von zu Hause arbeiten? Lucky-Grey würde sich freuen. Geht, aber die geistige Anstrengung kann man sich dann doch auch nur vorübergehend und an guten Tagen geben.

Das Buch ist also schnell durch, die besten Filme geguckt. Ich beginne das zweite, starte mit Serien: Chasing Life. Als ich die Inhaltsangabe der Serie lese, denke ich, ich bin im falschen Film! Junges Mädchen, Anfang 20, will und kann beruflich endlich voll durchstarten, ist frisch verliebt und bekommt: eine Leukämie-Lilli. Die Serie gefällt mir, weil ich noch einmal von Außen sehe, was in meinem Leben passiert. Das bin ich, auch wenn mein Krebs ein anderer ist. Meine, und vermutlich die insgesamt typischen, Ängste und Wünsche werden toll aufgegriffen und zu einer witzigen Dramedy-Serie (Oma, so nennt man die Mischung aus Drama und Comedy) gemacht.

Mit jedem weiteren Zyklus, denke ich, dass man so viele Waffen gar nicht besitzen kann, um die Zeit totzuschlagen. Ich könnte meine Wimpern zählen, um mal was Neues zu probieren. Also gut, rechtes Auge: 1, 2; linkes Auge: 1, 2, 3, 4,…10, 11. Das war dann wohl ein Satz mit x. Eine Fortsetzung mit den Augenbrauen würde übrigens auch nur weitere 15 Sekunden verbrauchen. Stricken vielleicht? Vitamin-Mum könnte es mir zeigen. Ähm, nö, danke, so langweilig könnte mir dann doch gar nicht sein.

An einigen Tagen könnte ich an der Klippe stehen, von oben auf des Meer aus Selbstmitleid schauen und würde mir wünschen zu springen, um wieder so richtig schön darin zu baden. Dann könnte ich wütend werden, auf all die Menschen, die ihr Leben leben können. Auf all die Menschen, die sich nur einmal die Woche melden und nicht dreimal am Tag. Auf Schatzi, der mich jeden Tag alleine lässt, um zur Arbeit zu gehen. Auf Super-Dad, weil er heute nur einmal, statt dreimal, angerufen hat. Auf RTL, weil sie ein Scheiß-Vormittags-TV-Programm haben. Auf kollektiv Alle eben, die nicht dafür sorgen, dass mir nicht langweilig ist. Und dann? Dann wäre mir nicht nur langweilig und ich wäre nicht nur krank, ich wäre vor allem super ungerecht! Außer gegenüber RTL, die haben wirklich große Schuld an meinem persönlichen Dilemma.

Gut also, dass ich dann doch immer weiß, wie ich mich beschäftigen kann. Meinen Blog zum Schreiben habe. Mein Handy ständig blinkt und klingelt, weil sich wieder jemand meldet. Wenn man selbst aktiv ist und sich meldet, dann erhält man übrigens tatsächlich auch Antworten. Mein Computer tutet, weil Maroni wieder eine Marathon-Email geschrieben hat. Der Postmann klingelt und schon wieder ein viel zu großes Paket in den Händen hält. Absender diesmal: Business-Hähnchen und Fettnäpfchen-Hähnchen. Wie schön, dass ich mir jetzt erstmal die Nägel mit dem neuen Nagellack lackieren kann. Danach werde ich noch ein bisschen an dem 1.000 Teile-Puzzle arbeiten, heute Abend mein neues Buch weiterlesen. Abends quassel ich Schatzi dann wieder voll, bis er nicht mehr zuhören kann. Und dann ist da ja noch Woche 3. Burger-Essen mit den Pinots hab´ ich schon geplant. Shoppen auch, die Herbstkollektion ist draußen und ein paar Stiefel von Zara wollen mir einfach nicht mehr aus dem Kopf gehen. Außerdem ist Äppelwoi-Fest. Muss nur noch jemand mit mir hin. Vielleicht ruf ich gleich mal die Nachbarn an.

So, und nun nochmal der Artikel in 3 Sätzen, damit es auch wirklich jeder versteht: Gebt Anderen nicht die Schuld an eurer Situation! Werdet selbst aktiv, bereitet euch mit schönen Ablenkungsmöglichkeiten auf die kommende Langeweile vor und genießt jeden guten Tag so doll ihr könnt! Jammern über Langeweile ist erlaubt, aber nur einmal am Tag, Basta, Over and Out!

2 thoughts on “10 Dinge, die man vor der Chemotherapie erledigen sollte – 8/10

  1. Liebe Caty,

    ich verfolge deinen Blog seit etwa 2 Wochen. Auf der Suche nach einem Namen für meinen Blog bin ich hier bei Dir gelandet. Du schreibst sehr angenehm und machst mir großen Mut. Auch ich bin gerade mittendrin im ersten Chemozyklus (BEACOPP eskaliert) und bin dankbar für deine Anregungen. Chasing Life steht nun auf meiner ToDo-Liste.

    Ich wünsche Dir weiterhin viel Kraft!
    Liebe Grüße
    Izzie

    Izzie Antworten

    1. Hallo Izzie,

      wie schön, dass ich dir ein wenig weiterhelfen kann und dir meine Seite gefällt :)

      Der Blog hilft mir sehr, all das zu verarbeiten und ist auch eine tolle Ablenkung. Ich hoffe, dass es dir damit dann auch so ergeht.

      Viel Spaß auch bei Chasing Life und ganz viel Kraft für die nächste Zeit!

      Ganz liebe Grüße, Caty

      Caty Antworten

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