So sein wie Oma und Opa – die Veränderung der Beziehung in der Chemotherapie

Auf jeden Topf passt ein Deckel. Inzwischen gibt es aber Universaldeckel, die auf jeden Deckel passen und der zuvor genannte Spruch wird erweitert um: „aber vielleicht bin ich ja eine Auflaufform.“

Früher konnte man seine eigenen Bedürfnisse noch zurückstellen. Heute ist man als Frau nicht emanzipiert, als Mann ein Weichei, aus dem sicher keine Führungsperson werden kann, wenn man sich gegenüber der Partnerin auch mal zurücknimmt.

Wenn ich Oma und Opa so ansehe, dann ist aber eben das ihr Geheimrezept: sich auch mal zurücknehmen. Das ist bedingungslose Liebe, die sich in den Jahren nicht auseinandergelebt hat, sondern stetig enger geworden ist. Entscheidungen werden besprochen, können aber auch einzeln getroffen werden. Seine Meinung kann man sagen, respektvoll oder witzig verpackt. Die leere Klorolle auf dem Henkel und die Bartstoppeln im Waschbecken führen nicht zu einem Streit, ein Streit nicht zur Scheidung.

Inzwischen ist es so viel einfacher, sich scheiden zu lassen, als sich mit dem Gegenüber auseinanderzusetzen. Wie geht das überhaupt? Miteinander sprechen, verschiedene Meinungen haben und darüber diskutieren? Lieber weiter ins Handy gucken und den Partner einfach labern lassen, das ist die neue Taktik. Und wenn´s zu schwer wird, dann sucht man sich was leichteres, wenn´s hässlich wird, was hübscheres. Oma macht das nicht, und Opa auch nicht.

Und nun bin ich schneller als mir lieb ist, selbst sowas wie eine „schwere Situation“, fühle mich hässlich und es wäre so viel einfacher für Schatzi, zu gehen oder es zu ignorieren, bis es vielleicht wieder gut ist. So ´ne Affaire könnte man jetzt auch haben. Krebs ist eine Art akzeptabler Grund, weil Fremdgehen inzwischen gesellschaftlich toleriert wird, wenn man es nur irgendwie gut begründen kann. Viele machen das. Außer Oma und Opa.

Und Schatzi? Der macht das auch nicht! Auch wenn die Situation von ihm verlangt, nun die Verantwortung zu übernehmen, die ich sonst gerne in der Hand halte, bleibt er. Unsere Beziehung hat sich verändert, natürlich und unweigerlich. Aber Lilli hat uns nicht geschadet.

Hin und wieder ist Schatzi vermutlich etwas überfordert. Aber vorbereitet auf diese Situation ist man mit 24 eben einfach nicht. Ist man auch mit 30 nicht und mit 75 noch immer nicht. Das Leerbuch „Wie stehe ich meinem Partner in schweren Zeiten bei?“ gibt es einfach nicht. Schatzi ist einfach da, manchmal hält er mich nur im Arm und weiß selbst nicht, was er sagen soll, wenn ich weine. Er bringt leckeren Saft aus dem Supermarkt mit, in der Hoffnung es bereitet mir Freude. Ärgert mich, damit ich lachen muss und sich alles ganz normal anfühlt. Er gibt mir das Gefühl, dass alles gut wird. Ein Gefühl, was mir sonst keiner wirklich geben kann. Er nimmt sich zurück in der Zeit, in der es jetzt um mich geht. Das ist selbstverständlich, sagt er. Opa würde das auch tun.

Lilli bringt uns noch näher, als wir es zuvor ohnehin schon waren. Die Frage, ob er der Mann sein soll, den ich für immer an meiner Seite haben möchte, habe ich mir vorher nicht gestellt. Jetzt habe ich ungewollt eine Antwort darauf. Auch wenn „für immer“ in der heutigen Gesellschaft utopisch ist, aber was sind dann Oma und Opa? Sind 54 Jahre nicht sowas wie „für immer?“

Jetzt bleibt nur noch die alles entscheidende Frage: Schatzi, willst du lieber der Topf sein oder der Deckel?

One thought on “So sein wie Oma und Opa – die Veränderung der Beziehung in der Chemotherapie

  1. Das hast Du schön geschrieben. Und ich kann es nur bestätigen. Die Krankheit verändert die Beziehung. Verlangt auch viel von der Beziehung ab.
    Nach 10 Jahren Ehe und insgesamt 22 Jahren Beziehung ists bei uns auch nochmal anders geworden. Und bei uns passen Topf und Deckel irgendwie anders und doch wieder besser zusammen.

    Catrin

    Catrin Antworten

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