Minutenabklatsch mit Horst. Wenn der Krebs erstmal weg ist.

Mein erster Gedanke nach dem „Genesungssatz“ von Frau Dr. Ständig-Lächelnd war: „Und nun?“ 
Wie es weitergehen und ich von heute auf morgen normal leben soll(te), war – ist mir noch immer – ein Rätsel. „Na super, dann ist ja alles wieder gut“ – könnte man denken. Es fühlt sich aber nicht so an. Der Pause-Knopf, den Lilli gedrückt hat, hält noch immer an.

Es fühlt sich an, als würde ich den ganzen Tag nichts machen. Nichts im Sinne von Einkaufen gehen, durch die Stadt bummeln, Rezepte nachkochen, ein Bild im Flur aufhängen, einen Zahnarzttermin wahrnehmen, Lucky Grey und die Pinots besuchen, mit Schatzi ins Outlet fahren und in die Sauna gehen. Das ist zwar mehr als nichts, bitte nicht falsch verstehen, aber effektiv fühlt es sich trotzdem nicht an. Ich fühle mich noch immer von Lilli gebremst. Unnütz. Dabei will ich nichts mehr, als endlich wieder Gas zu geben. Ich will etwas leisten – versteht man das?

Eigentlich sollte ich die Who-the-fuck-is-Lilli-Party planen und schmeißen. Mein Leben genießen. Aber ich bin unzufrieden, habe das Gefühl, so viel verpasst zu haben. Schon wieder, nachdem mir bereits durch die Fibromyalgie 2 Jahre meines Lebens gestohlen wurden. Ja, es waren „nur“ 6 Monate Lilli beim Namen. Aber im Oktober begann alles und nun haben wir schon wieder Oktober. Und da waren es schon 12.

Noch viel mehr Angst habe ich davor, dass, wenn ich mich gerade wieder auf das Leben einlasse, Lilli schon in voller Pracht auf mich wartet. Ende November ist bereits der erste Kontrolltermin. Oft muss ich daran denken, was dann wäre. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht noch einmal so stark sein kann. Nicht noch einmal werde ich Lilli mit aller Kraft entgegenwirken können, wenn sie schon im November wieder da wäre. Oder im Februar. Wahrscheinlich nie.

Jeden Tag, ach was rede ich, jede Minute bin ich hin- und hergerissen zwischen: „Alles ist gut. Mach´ einfach weiter! Du kannst es glauben, Lilli ist weg und sie wird wegbleiben“ und „Ich kann nicht mehr. Ich schaff´s nicht nochmal.“ Dem Tenor: „Steiger´ dich da nicht rein“ kann ich nur zustimmen. Würde ich als Außenstehende ja schließlich auch sagen. Sage ich mir ja sogar als Innenstehende. Jede Minute, bis die nächste anbricht, in der Horst das Wort übernimmt.

Ich sollte froh sein, dass es vorbei ist und das bin ich. So sehr aber, dass es für mich unvorstellbar schlimm wäre, wenn man mir dieses Gefühl wieder wegnehmen würde. Kontrollverlust. Ich habe es nicht in der Hand. Lilli kann kommen wann sie will. Wenn auch der Kampf gegen sie deutlich schwerer war, der Kampf gegen Horst, meiner personifizierten Angst vor einem Rückfall, wird mich sicher noch lange begleiten.

2 thoughts on “Minutenabklatsch mit Horst. Wenn der Krebs erstmal weg ist.

  1. Hallo mal wieder,

    ich kann Dich so verstehen!
    Ich selber habe gestern das PET-CT hinter mich gebracht und muss nun bis nächsten Mittwoch auf die Ergebnisse warten.Warten kann ich mittlerweile gut. Bin auch relativ gelassen und gar nicht hibbelig. Das kommt erst nächste Woche.
    Und nun sitz ich da. Chemo ist rum, Blut war am Montag in Ordnung. Ich fühl mich gut und darf das Haus wieder verlassen. Um mich rum trottet der Alltag so dahin. Der Mann geht zur Arbeit, die Kinder sind mit Schule und Freunden beschäftigt und ich??? Bin ich nun gesund? Kommt da noch was? Ein bisschen Haushalt da, ein bisschen Einkaufen dort. Freunde fragen mich, wies geht. Es geht gut, Chemo ist rum, ansonsten abwarten. Kommentar ist dann meist: Mensch prima, ist doch super für Dich. Schon. Aber was kommt jetzt? Wie gehts weiter? Was mach ich jetzt? Große Zukunftspläne wage ich noch nicht zu starten. Es kommt ja vielleicht noch die Bestrahlung und wer weiß, was danach ist. Reha kann ich noch nicht planen, ich weiß ja nicht, was noch kommt.
    Also tümpel ich zu Hause jetzt so vor mich hin, wupp halbwegs den Familienalltag. Mach aber irgendwie nichts „Richtiges“, bin in der Warteschleife, wage nicht in die Zunkunft zu blicken und zu planen. Dabei bin ich ein Mensch der gerne Projekte für morgen, nächste Woche, die nächsten Monate vor sich hat und macht und tut. Ne Aufgabe braucht.

    Darf ich fragen, wann Du wieder arbeiten musst? Auch da habe ich keine Ahnung wie das laufen wird. Ich weiß nur, dass ich Anspruch auf berufliche Wiedereingliederung hab.

    LG Catrin

    Catrin Antworten

    1. Hallo Catrin,

      ach, wie gut ich dich verstehen kann! Da sind wir sicher nicht allein.
      Wenn die Ärzte nur ansatzweise wüssten, wie nervenzehrend dieses Warten ist…
      Aber nun ist ja fast Wochenende, dann lenken dich deine Kinder wieder etwas vom Warten ab. Ich war letztes Wochenende seit langem Mal wieder im Zoo, vielleicht ist das ja eine Idee?!

      Ich fange am 02.11. mit der Wiedereingliederung an. Der Artikel dazu kommt am Sonntag. Ich hoffe, du hältst so lange noch durch 😉

      Ich drücke fest die Daumen, dass dich bald gute Neuigkeiten erwarten!
      Liebe Grüße,
      Caty

      Caty Antworten

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